Treuhand Oldenburg

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Theoretisch müsste Roland Wicherts der mit Abstand klügste Mitarbeiter der Treuhand sein. In der Praxis weiß er zwar nicht alles, was in den 4.500 Büchern in seiner Bibliothek steht, aber er weiß immer, wo es steht. Und damit ist er als »One Person Library« nicht nur unersetzbar, sondern auch Herrscher über das gesammelte Wissen. Und einer der nettesten Mitarbeiter ist er allemal. 

 

»Eigentlich wollte ich ja Buchhändler werden.« Roland Wicherts ist kaum zu bremsen, so enthusiastisch stürmt er voran in seine heiligen Hallen. Sofort steigt einem dieser typische Geruch von alten Büchern in die Nase. Gut gepflegten alten Büchern, nicht diesen leicht moderigen. Es ist angenehm kühl in Wicherts Reich und genauso warm und schummerig beleuchtet, wie man es sich vorstellt: »Buchhändler habe ich nach dem Wirtschaftsabi auch gelernt, weil meine Großmutter den damaligen Geschäftsführer von Bültmann & Gerriets beim Mittag kennengelernt hat.« So sehr, wie seine Augen beim Thema Bücher leuchten, mag man dem sympathischen 59-Jährigen nicht abnehmen, dass förmlich sein Lebensinhalt durch einen Zufall bestimmt wurde.

Roland Wicherts ist Bibliothekar in der firmeneigenen Bibliothek der Treuhand, dem »Maschinenraum« der Oldenburger Beratungsgesellschaft. Und damit Herr über 4.500 Bücher. Systematisiert und geordnet. Einige Unikate. Einige in 13-facher Ausführung, »weil die Juristen gerne heimlich kleine Privatsammlungen an legen«. »Als ich hier angefangen habe, gab es kaum Bibliotheken in Firmen«, erinnert sich Wicherts. »Völlig unüblich.« Aber bei der Treuhand gehört das Invest in aktuelles bestes Wissen zur Firmen-Philosophie.

Zu den Büchern, die in einem guten Dutzend meterhoher Regale sortiert sind, gesellen sich noch 80 Zeitschriften-Abonnements. Den »Kicker« sucht man hier vergeblich: »Das sind alles Fachpublikationen. Wie wir hier überhaupt nur Fachliteratur haben.« 80 Mal kontrollieren, ob die aktuelle Ausgabe einer Zeitschrift über IT-Recht oder neue Steuergesetze angekommen ist. Jeden Monat. Selbstverständlich fehlt keine Einzige. Wicherts ist die personalisierte Sorgfalt.

»Als sogenannte One Person Library bin ich hier für alles verantwortlich: Katalogisierung, Einkauf oder eben die Organisation der Umläufe.« Die Mitarbeiter der Treuhand sind offensichtlich kollegial und zuverlässig, denn die Liste der ausgetragenen Werke ist leer, obwohl Wicherts gerade aus einem 14-tägigen Urlaub wiederkommt. Dafür ist sein eMail-Postfach voll: »247 Mails. Ich hätte mehr erwartet. Aber gut, da mache ich mich nach unserem Gespräch mal ran.« Dabei bleibt er tiefenentspannt. Kein Wunder, kommt er doch gerade aus seinem zweiten Lieblingsort: Wicherts und seine Frau haben eine kleine Wohnung in London gekauft. Vier Mal im Jahr reisen sie nach England, ihre Tochter hat dort dieses Jahr ihren Abschluss gemacht.

Wicherts erinnert sich: »Ich habe damals extra Russisch als dritte Fremdsprache lernen und neben einem NC, der für Medizin gereicht hätte, auf sowas wie 180 Anschläge auf der Schreibmaschine kommen müssen.« Auch den Computerkurs, den er 1981 an der VHS absolviert hat, meistert er. Kein Problem für den smarten Science-Fiction-Fan, der am 1. Oktober seine 35-jährige Firmenzugehörigkeit feiert. Wicherts bestätigt: »Die Zusammenarbeit im Team klappt sehr gut bei uns.« Ein Grund, warum solche Dienstjubiläen bei der Treuhand keine Seltenheit sind.

Heute noch ist er skeptisch, was moderne Geräte angeht, obwohl seine Frau und er sich schon über ihre Vorzüge freuen. Beim Skypen mit ihrer Tochter zum Beispiel. Oder in der Bibliothek, wo er natürlich auch digitalisiert ist und Zugänge für alle wichtigen großen Datenbanken organisiert. Trotzdem besitzt Wicherts ein Handy, »mit dem man nur telefonieren kann, weil diese Teile doch alles ausspähen«, und lobt die Vorzüge von Papier permanent. Dieses spezielle Gefühl. Das Handfeste, wenn man etwas in einem Wälzer nachschlägt. Das Glück, wenn er selber Zitate oder Querverweise innerhalb von Sekunden findet. Und dabei noch Kontakt zu jedem einzelnen Kollegen hat.

Dem Menschen Wicherts ist das Wissen, das er verwaltet, enorm viel wert. Vielleicht alles. Und diesen Wert versucht er zu bewahren. Auch Zuhause, wo seine Frau stets »ausmisten« will. Im Arbeitszimmer, das lediglich aus Büchern besteht. Aber »dann hätte sie jemand anderen heiraten müssen«, juxt er. »Ich finde, man soll jeden Tag lesen. Egal was. Hauptsache, man taucht in sein Kopfkino ab.« Was er zuletzt gelesen habe? »Blackout« und »Zero – Sie wissen, was du tust« von Marc Elsberg. Science Fiction eben.

 

Foto: Markus Monecke

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